#2 Es kommt immer anders als man denkt

 

Ich war mir doch etwas unsicher, ob ich diesen Artikel in dieser Klarheit schreiben soll. Ich habe mich dazu entschlossen, den Versuch zu wagen und einen realen Einblick in ein Projekt wie meines zu ermöglichen.

 

Soviel vorab, es sind teils problematische Erkenntnisse und Ereignisse. Jedoch sehe ich keinen Sinn darin, eine geschönte Welt der Sozialunternehmer zu romantisieren. Ich selbst als Unternehmer mit dem Ziel positiven Einfluß zu nehmen und zu gestalten; hier sind Herausforderungen vorprogrammiert. Gleichermaßen geht es folglich darum, Hindernissen mit sinnvollen Lösungen proaktiv zu begegnen.

 

Auch bei der Vanilla Campaign ist somit ist ein positiver Wandel hinsichtlich meines Projektes in Sicht. Mehr dazu aber jetzt gleich in diesem Artikel.

 

 


Vanillekrise

 

Wie sollte es anders auch anders sein. Die Preise für 1 kg Vanille hatten ihr Allzeithoch in Mitte 2017 erreicht. Vanille hatte noch nie seit Aufzeichnungen so viel gekostet wie 2017. Teurer als Silber.  Bis zu 800 USD pro kilo. Was folgte, war eine Lehrstunde par excellence, um zu sehen, wie sehr sich die Dinge verändern können. Und es ist noch lange nicht vorbei.

 

Ganz unscheinbar - fast still und leise - stiegen die Preise. In meinem Email-Postfach häuften sich die Anfragen. “Haben Sie 1,5 Tonnen?”. “Sind bei Ihnen Mengen bis zu 3 Tonnen verfügbar?”. Häufig ohne persönliche Worte oder Ansprache. Einkäufer und Spekulanten, welche mit "copy&paste"-Texten aus offensichtlicher Verzweiflung (oder aus Goldgräberstimmung?) um sich warfen. Zweimal sogar wurde ich nach BIO Bourbon Vanille gefragt. Ich dachte es wäre klar, dass ich diese nicht anbiete?

 

Das ist nicht alles. Von verschiedenen Seiten und Richtungen kommen Anfragen und teils mehr oder weniger dreiste Emails eingetrudelt, die mich dazu auffordern vertrauliche Informationen aus dem nichts weiterzugeben. Wenn mir etwas klar wird, dann inwiefern eine Krise Begehrlichkeiten weckt. Geld als alleiniges Motiv. Die Großproduzenten sehen sich in einer Flut von attraktiven Angeboten von Einkäufern wie es diese noch nie gab. Denn jahrelang war der Vanille Preis niedrig, viel zu niedrig.

 

Der Grund: In den 70/80er Jahren flutete Madagaskar den Markt mit “Billig-Vanille” wodurch die Existenz zahlreicher Kleinbauern in Mexiko zerstört wurde. Von da an dominierte preislich der sogenannte “Schweinzyklus” - tiefe Täler, wenige Hochs. Madagskar als einer der größten Produzenten des teuersten Gewürzes der Welt, gehört übrigens bis heute zu einem der ärmsten Länder dieser Erde. Dieser Kontrast spricht für sich.

 

 

Raus aus der Traumwelt

 

Wie sollte es anders auch anders sein, In meinem Kopf hatte ich mir schon alles ausgemalt. Die Zertifizierung findet statt, die Verbesserungen werden implementiert und spätestens 2019 sollte alles mehr oder weniger in trockenen Tüchern sein. Schön war es. Zu schön war diese Idee. Die Realität kam um die Ecke, um mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ein Weckruf.

 

Globalisierung, Klimawandel, die Welt im Umbruch. Und natürlich ist die Vanilla Campaign auch davon betroffen. Da die Produzenten aktuell ihre Ware zu absoluten Höchstpreisen verkaufen können, nehmen diese logischerweise ihre Chance endlich wahr. Produzenten jetzt hier zurückzuhalten und in das Zertifizierungs-Vorhaben einzubinden, ist vorstellbar unmöglich.

 

Deshalb ist aktuell an eine Zertifizierung im großen Stil nicht zu denken. Frühestens 2020 - wenn der Verkaufspreis sich vermutlich wieder “normalisiert” - gilt es an dieser Stelle weiterzumachen. Die logische Schlussfolgerung daher: Vom Großproduzent wegzugehen und doch "Back to the roots" mit einem Kleinbauer Schritt für Schritt zu beginnen.

 


 

Notiz >> Sicherheitslage vor Ort

 

Die Situation ist weiterhin sehr angespannt. Mitunter die anstehenden nationalen Wahlen in Mexiko befeuren die Situation. Abgesehen von einigen beeindruckenden Korruptionsskandalen im Bundesstaat Veracruz: Man denke nur an den Medizin-Skandal, dass anstatt von chemotherapeutischen Medikamenten lediglich Wasser an Kinder verabreicht wurde. Die Lage hat sich weiterhin dramatisch verschlechtert. Wer wegziehen kann, zieht weg. Dem rasanten Anstieg der Kriminalität (Express Entführungen, Raubmord, Überfälle) steht eine nachwievor korrupte Justiz entgegen, in der die wenigen unbestechlichen Richter bedroht sowie ermordet werden oder schlicht und einfach verschwinden. Auch aufgrund dieser Sicherheitslage musste ich die Zertifizierung verschieben. Ich konnte nicht für die Sicherheit des Zertifizierers garantieren, welcher Kinder und Familie hat. Daher ist für mich ein derartig hohes Risiko einzugehen nicht tragbar.

 


Erneuter Ernteausfall

 

Und sei es nicht schon schwierig genug, sind 2017 nur maximal 20% der Blüten aufgegangen aufgrund des warmen Winters in Papantla-Veracruz-Mexico. Es ist eine Tragödie.

 

Die Knappheit an Vanille ist menschengemacht und intensiviert nur meine kritischen Gedanken. Wie können Lösungen aussehen für ein weltweit agierendes kapitalistisches System, welches in jeglicher Hinsicht außer Kontrolle geraten ist?

 

Aus der Vanille Krise welche Ende 2016 begann, gipfelte diese in Vanille Spekulation und fand ihren Höhepunkt in der Schlagzeile m Sommer letzten Jahres 2017 - “Vanille teurer als Silber”.

 

Ergänzungswert meinerseits lediglich durch den Punkt, dass Madagaskar ein langes Quasi Monopol auf Vanille aufgebaut hat. Durch knallhartes Billigangebot mit Überschwemmung des Marktes.

 

Andererseits profitiert die Bevölkerung in Madagaskar bis heute in keiner Form von dem zweitteuersten Gewürz der Welt. Im Gegenteil, in Madagaskar ist 2017 vereinzelt die Pest ausgebrochen.

 

 


 

Mit BIO Unternehmen kooperieren? Fehlanzeige!

 

Ich hatte einige Gespräche in den letzten 2 Jahren. Mit kleinen, mittleren und großen BIO Unternehmen und BIO-Supermarktketten, welche - in meiner vielleicht etwas naiven Vorstellung - seit den 60/70er Jahren aus Überzeugung das tun was Sie tun. Doch meine Erkenntnis ist gereift, dass diese BIO Firmen im Grunde heute wie konventionelle Unternehmen funktionieren.

 

Ein "guter" Spirit ist - außer ein eher freundlicher und sympathischer Umgang mit mir als Person - für mich nicht mehr erkennbar. Es geht um Monopole und Märkte. Auch hier steigt der Druck. Auch in der vermeintlich “softeren” Welt, die der BIO Unternehmen, ist die Krematistik - die Kunst des Geldvermehrens - vorgedrungen.

 

Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass zudem Bio-Hipster-Food-Projekte (angeheizt vom “Höhle der Löwen”-Effekt) via Facebook Werbung und Instagram den Rest geben. Worum geht es? Es geht um den einfach nicht enden wollenden Drang nach neuen Dingen & Geschichten in der ersten Welt. In diesem entstandenen Food-Disneyland bleibt die Relevanz auf der Strecke.

 

Ein Beispiel: Der heimische Leinsamen und die Himbeere sind viel sinnvollere und ernährungsintensivere Produkte als beispielsweise Chia und Goji Beeren. Aber wenn interessiert das noch. Die entstehenden riesigen Monokultur-Felder durch den Anbau von Matcha und Mate in Lateinamerika sprechen für sich. Es ist wie das nicht enden wollende Echo der Palmölplantagen.

 


Sei's drum! Blick nach vorne ...

 

Um so mehr freue ich mich euch am Ende eine positive Entwicklung mitzuteilen.

 

Ich bin dran geblieben gemeinsam mit Jose Luis - dem Besitzer vom Ökopark. Die Formung der Kooperative ist angelaufen und der Ökopark wird Schritt für Schritt in eine Kooperative umgewandel.

 

Vor Ort in dem Ökopark wird ein Modell-Modul entwickelt, welches begehbar und überschaubar zeigen soll, wie Vanille natürlich und mit Respekt vor Natur und Mensch angebaut werden kann. Natürlich mit dem Ziel diese Module BIO zu zertifizieren.

 

Wir wollen hierdurch andere Kleinbauern inspirieren und es diesen direkt ermöglichen, sich zu informieren, zu motivieren und sich im Idealfall dem Ökopark und somit der Vanilla Campaign anzuschließen. Die erste Inspektion ist - auch aufgrund deiner Hilfe - schon bezahlt und finanziert. ich denke, dass im Oktober 2019 diese erste Inspektion stattfinden kann.

 

Ich möchte euch weiterhin nicht vorenthalten, dass die Vanilla Campaign dieses Jahr sogar noch eine ersten Geldbetrag an den Ökopark übergeben konnte, so dass das Bienenschutz Modul im Park erneuert und erweitert werden konnte.

 

In diesem Sinne - Wo Vanille ist, ist auch ein Weg.

 

 


💛 Vielen Dank für deine Unterstützung! 💛

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Schüller (Samstag, 23 Juni 2018 19:50)

    Ich habe mich gerade wieder über Nestle aufgeregt. Lt. Nestle ist Wasser kein Menschenrecht. Ich könnte platzen. Dann kam deine Mail. Schön, dass es Menschen wie dich noch gibt. Es geht also auch anders. Ich habe deine E-Mail Adresse schon oft weiter gegeben.

    Ganz viele liebe Grüße aus Köln
    Ruth

Hier wird die Vanille u.a. verwendet

Berlin:

Fritzze - May am Ufer - Bekarei - Goaty - Goldhahn&Sampson - Restlos Glücklich

 

München: 

Der verrückte Eismacher

 

Weitere Vanilleliebhaber: 

Hitzefrei (Dortmund)

 

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Email: hello(at)vanillacampaign.com

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